Berliner Freimaurer JL Zur Verschwiegenheit

 

Vorträge von Brüdern

 

Festvortrag zum 239. Stiftungsfest der JL "Zur Verschwiegenheit"

 

Erkenne Dich selbst, gestalte die Zukunft

 

Wir können die Zukunft nicht vorhersehen, nicht planen, sondern nur die Voraussetzungen schaffen, dass unsere Loge blüht und unser Handeln reife Frucht trägt. Die Loge, der Verein, ist das Gebäude, das die Brüder, durch ihr Miteinander und den Gedankenaustausch mit Leben erfüllen. Durch den steten Wandel müssen die Ideen, das Wesen und die Anforderungen unseres Bundes immer wieder erarbeitet werden. Ein Bruder schrieb mir vor einigen Tagen: „Freimaurerei ist das, was Freimaurer tun“,  d.h. jeder von uns bestimmt durch sein Verhalten die Inhalte und das Ansehen seiner Loge und der Königlichen Kunst.

Die Grundlage, der Kern, allen freimaurerischen Denkens und Handelns ist der Wunsch, den Tempel Salomon, einen Tempel der Glückseligkeit, besser der Menschlichkeit,  zu errichten. Dies bedeutet, Humanität und Toleranz in den Mittelpunkt des menschlichen Miteinanders zu rücken. Versucht man diese Begriffe auf uns zu übertragen, so stehen sie für den vertrauensvollen Umgang miteinander, das Verstehen des Anderen, nicht das Verstanden werden, und die Nachsicht gegenüber menschlichen Schwächen. Menschen, die diese hohen Maßstäbe an sich und ihr Leben gestellt haben, gab es schon immer seit Menschen auf diesem Planeten leben. Sie sind keine Erfindung der Freimaurer, aber Vorbild und Ursprung. 

 

Das Besondere an der Freimaurerei ist der Wunsch diese Werte in einer starken, verschworenen Gemeinschaft zu üben, zu leben und hinaus in die Welt zu tragen.

Die Begründer des Bundes lieferten das Gerüst, die erprobten Regeln, die von den Dombauhütten übernommen waren. Die Bauhütten haben uns gelehrt, dass jeder Stein geprüft werden muss und dass der schnellste Baumeister nicht die stabilsten Bauwerke errichtet. Unser Tempel, jede Loge, braucht gute Steine, in denen Vertrauen und Stärke wachsen können. Das Gerüst gibt uns die Struktur, nach der wir unsere Arbeit gestalten und unsere Handlungen ausrichten, die wir aber mit Leben füllen müssen

 

Wie schwierig dieses Unterfangen ist, hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gezeigt. Viele unterschiedliche Vorstellungen von Art und Dasein der Gemeinschaft trafen insbesondere in den Anfängen der Freimaurerei aufeinander. Dadurch entstanden verschiedene Lehrarten, das Ziel aber blieb immer das Gleiche. Für uns hier ist Arbeit geistige Auseinandersetzung und Vervollkommnung, nicht handwerkliches Vermögen. Die großen Lichter der Freimaurerei weisen die Richtung, lassen die Freiheit des Denkens und fordern Rechtschaffenheit des Handelns. Schon Freimaurer zu werden setzt die Selbstprüfung und -erkenntnis voraus, dass man in freier Entscheidung willens und in der Lage ist, sich in eine Gemeinschaft einzufügen und dem Wohl der Loge unterzuordnen

 

Freimaurer zu sein bedeutet die Bereitschaft, sich durch Selbsterkenntnis auf einen Weg der ewigen Suche zu machen. Wichtig ist das Bemühen auch mit kleinen Schritten voranzugehen und nicht entmutigt aufzugeben, weil das Ziel zu weit, die Hürden zu hoch sind.

Dieser Weg ist geprägt von Arbeit an sich selbst, dem rohen Stein, den man  nur bearbeiten kann, wenn Selbsterkenntnis geübt wurde.

 

Folgerichtig bezeichnen wir alle Stufen, die sich der Erhebung zum Meister anschließen als Erkenntnisstufen. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass wir uns nicht durch das mehr an Einblicken über andere Brüder auf eine höhere Stufe stellen, sondern an uns und in uns auf der Grundlage des Erkannten weiterarbeiten. Wir wollen unseren Geist erweitern, dies geschieht sicher auch auf rein naturwissen-schaftlichen Gebieten, aber im Mittelpunkt unseres Interesses steht der Mensch, sein Fühlen, Handeln und Denken, also die Philosophie, aus der im 19. Jahrhundert die Psychologie hervorging. Wer der Wahrheit und den Geheimnissen der Erde, der Welt der Menschen, die diese Welt geformt haben, näher kommen will, muss ihre Zusammenhänge verstehen. Verstehen bedeutet aber zwangsläufig auch erkennen.

 

Spätestens seit Kant und Schopenhauer wissen wir, dass Erkenntnis ohne Selbsterkenntnis nicht möglich ist. Erkenntnis ist Selbsterkenntnis. Ohne Selbsterkenntnis ist Philosophie nicht möglich. Gnothi seautón - Erkenne Dich selbst - dieser Spruch stand neben den ebenfalls als apollinisch betrachteten Weisheiten „Bürgschaft, schon ist Schaden da!“ und „Nichts im Übermaß“ an einer Säule der Vorhalle des Apollontempels in Delphi. Klearchos von Soloi behauptet, es sei ein Gebot des pythischen Apoll gewesen, das Chilon von Sparta als Orakelspruch gegeben wurde, als er fragte, was die Menschen am ehesten lernen sollten. Die Forderung, sich selbst zu erkennen, zielte ursprünglich auf Einsicht in die Begrenztheit und Hinfälligkeit des Menschen im Gegensatz zu den Göttern  und diente auch oft als Warnung vor der Überschätzung individueller Möglichkeiten. Die Selbsterkenntnis wurde in der stoischen Tradition eingebettet in das Bestreben, in „Übereinstimmung mit der Natur“ zu leben.

 

Das Bemühen um Selbsterkenntnis war für Platon ein Bestandteil seines zentralen ethischen Projekts der Sorge um die Seele, deren Wohlergehen davon abhänge, dass sie Tugend kultiviere. Durch ihn wurde die Interpretation optimistisch durch das Erkennen der Entwicklungsmöglichkeiten der gottähnlichen Seele. Cicero hob den positiven Aspekt in einem Brief an seinen Bruder Quintus hervor. Der Sinn des Spruches beschränke sich nicht darauf, die Anmaßung einzudämmen, sondern es gehe auch um eine Aufforderung, das uns eigentümliche Gute, das bona nostra, zu erkennen. Dieser Spruch, begleitet uns durch unser ganzes Maurerleben. Ein Bruder fragte in einem Vortrag: Wonach soll ich denn schauen, wenn ich „in mich schauen“ und mich selbst erkennen will?

 

Es gibt bei unseren Arbeiten, im Ritual, keine konkreten Anweisungen und auch der Grund, weshalb dies so wichtig ist, findet sich nicht. Es ist auch nicht der Sinn unserer Arbeiten alle Wege vorzugeben, sondern vielmehr das eigene Denken zu fördern. So kann man mit einem Zitat des Philosophen Heraklit antworten, der den ersten Beleg für diesen Gedanken lieferte: „Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.“ Wir wollen in der Loge das eigene Denken anregen und pflegen. Wahrscheinlich war bei der oben genannten Frage der Ansatz „wonach soll ich schauen“ schon unglücklich, denn es ist ja eine Suche nach uns und in uns selbst. Dieses Innenleben, das Selbst, der angeborene und unveränderliche Charakter, wie es Schopenhauer nennt, wird erkennbar, wenn wir unsere Fassade fallen und unsere Individualität mit allen Stärken und Schwächen transparent werden lassen. Wer dies im Kreise der Brüder nicht kann oder will, wird nie sein Alltagskleid abstreifen und zu innerer Ruhe und Zufriedenheit kommen können, weil es ein Zeichen eingeschränkten Vertrauens zu sich selbst und in der Folge auch zu den Brüdern ist.Bruder sein heißt auch, sich für den anderen interessieren. Dies kann nur gelebt werden, wenn Offenheit also Transparenz da ist. Wenn wir uns den Brüdern zu erkennen geben und durch die gewonnene innere Stärke aus dem „was ist mir wichtig“ auch das „was ist Dir wichtig“, „Du bist mir wichtig“ werden lassen.

 

Erkennen wir unseren Charakter, unsere Vorlieben und Talente, aber auch unsere Defizite, haben wir die Möglichkeit, das Leben gezielt zu gestalten. Dadurch erlangt der Mensch Freiheit. Freiheit durch Selbsterkenntnis. Nur wenn man etwas bewusst will, was man vorher ohne Selbsterkenntnis blind wollte, wird man auch die richtigen Entscheidungen treffen. Vielleicht hilft hierbei die Kraft, die uns die Loge geben kann. „Ein Mensch muss wissen, was er will, und wissen, was er kann: Erst so wird er Charakter zeigen, und erst dann kann er etwas Rechtes vollbringen“ sagt Schopenhauer. Erkenne Dich selbst; Werde, der du bist.

 

Wir können nur in einem vorbestimmten Rahmen handeln und uns, den rohen Stein, vervollkommnen, versuchen, uns von schlechten Gewohnheiten, Sucht und Zwängen zu befreien. Zwänge werden uns auferlegt und nehmen uns die Freiheit, Pflichten, die wir aus eigenem Antrieb übernehmen, nicht. Nur derjenige ist ein freier Mann, der im Denken frei ist, dies ist für uns die Maxime. Die Freiheit ist eines der höchsten Güter des Menschen. Durch Selbsterkenntnis erlangen wir Entscheidungsfreiheit im Rahmen unserer Möglichkeiten. Das Erkennen dieses Rahmens bietet uns Schutz vor Verlust und Enttäuschungen. Haben wir unsere Stärken erkannt und akzeptiert, können wir unsere Kräfte gezielt einsetzen, Anerkennung und Zufriedenheit finden.

 

Wer im Leben versucht, das große Rad zu drehen, die Grenzen seiner Fähigkeiten zu überschreiten, fällt oft sehr tief oder schadet anderen. Die Loge, der Bruderkreis, lehrt, dass auch und gerade hier ein falsches Selbstverständnis bemerkt und trotz aller Nachsicht aufgezeigt wird. Dies kann eine bittere Erfahrung sein, die zur Demut und zum Überdenken des eigenen Handelns, der eigenen Fehler zwingt. Ein schwacher, brüchiger Stein kann ein Haus zum Einsturz bringen lehren uns die Baumeister. Genauso ist die Stärke der Glieder einer Kette für ihre Haltbarkeit verantwortlich und nicht ihre Länge.

 

Haben wir hinreichend Erkenntnisse über uns selbst, unseren Charakter, unsere Motivation gefunden, so werden wir immer an die Grenze des nicht Erklärbaren, Vorgegebenen stoßen. Bei der Suche nach einer Antwort auf das „Warum“ gelangen wir an den Punkt, wo der Verstand nicht ausreicht.

 

Die Säule der Weisheit ist Ziel und Mahnung zugleich. In ihr bündelt sich unser Verlangen und sie mahnt zu erkennen, dass es keine allgemeine Wahrheit, sondern nur die eigene Sichtweise und verzerrte Wahrheit jedes Einzelnen gibt. Sie mahnt abzuwägen und andere zu verstehen, um ihr mit Wissen, Erfahrung und Einsicht gerecht zu werden.

 

i.O. Berlin, 24.01.2014

 

Br. Harald (MvSt)

 

 

 Vorbilder Br. Harald (MvSt) 
 Gedanken zur Weisheit Br. Harald (MvSt) 
 Auf der Suche Br. Harald (MvSt) 
 Gedanken zur Verschwiegenheit Br. Harald (MvSt) 

 

 

 

Top | www.loge-zurverschwiegenheit.de